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Hufrehe aus der Praxis – was ich als Tierheilpraktiker wirklich sehe
Ich bin Olaf Anderfuhr, geprüfter Tierheilpraktiker, seit über 20 Jahren im Stall unterwegs. Wenn das Telefon klingelt und am anderen Ende jemand flüstert „er geht wie auf Eiern“, weiß ich schon vor dem Ausladen, worauf ich achten muss. Hufrehe ist kein mystisches Schicksal. Sie ist fast immer erklärbar, und seit etwa zehn Jahren heißt die Erklärung in acht von zehn Fällen: Insulin.
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich es leid bin, dass immer noch zuerst das Eisen abkommt und erst danach das Heu gewogen wird. Hier ist mein Blick aus der Praxis, fachlich sauber, aber so, dass du es morgen im Stall umsetzen kannst.
Was im Huf wirklich passiert
Die Hufrehe ist eine aseptische Entzündung der Huflederhaut. Das Hufbein hängt an etwa 600 Lamellen wie an einem Klettverschluss in der Hornkapsel. Werden diese Lamellen locker, kippt das Hufbein nach vorn oder sinkt ab. Der Druck auf die Sohle macht den Schmerz, nicht das Horn.
Der Auslöser sitzt aber selten im Huf. Er sitzt im Stoffwechsel, im Darm, in der Gebärmutter oder in der Mechanik. Deshalb behandle ich nie nur den Huf.
Meine vier Schubladen im Kopf
Ich sortiere jeden Rehefall sofort in eine von vier Schubladen. Das entscheidet über die ersten 48 Stunden.
1. DIE ENDOKRINE REHE
Das ist die Hyperinsulinämie-assoziierte Laminitis, kurz HAL. Zwei Krankheiten stecken dahinter: das Equine Metabolische Syndrom und PPID, das alte Cushing.
Ich sehe es bei Ponys mit Mähnenkamm, bei Isländern, die „nur Luft ansetzen“, und bei 18-jährigen Warmblütern, die im Winter ihr Fell nicht verlieren. Das Entscheidende ist nicht das Gewicht, sondern die Insulinantwort. Hohe Insulinspiegel docken an den IGF-1-Rezeptor der Lamellenzellen an, das Zytoskelett gibt nach, die Lamelle dehnt sich. Erst Tage später lahmt das Pferd.
In Studien hat man das klar gezeigt: 48 Stunden mit etwa 200 µIU/ml endogenem Insulin reichen für Lamellenschäden, bei über 1.000 µIU/ml entsteht klinische Lahmheit. Das ist keine Theorie, das sehe ich jeden Frühling nach dem ersten Weidegang.
Mein Praxistipp: Kein Fieber, meist beide Vorderhufe, wiederkehrend. Lass basales Insulin messen, mach einen oralen Zuckertest. Ein Wert über 45 bis 60 µIU/ml nach Sirup ist für mich ein rotes Tuch, egal wie gut das Pferd aussieht.
2. DIE FUTTERREHE – DER EINBRUCH IN DIE FUTTERKAMMER
Heute selten, aber wenn, dann heftig. Hier geht es nicht um Insulin, sondern um Milchsäure im Dickdarm.
Zu viel Getreide oder junges Gras kippt die Darmflora. Milchsäurebildner explodieren, der pH fällt, Bakterien sterben und setzen Endotoxine frei. Die Darmwand wird durchlässig, die Gifte gehen ins Blut und stören die Mikrozirkulation im Huf. Erst Engstellung der Gefäße, dann Stase, dann Ödem.
Mein Bild: Pferd hat nachts die Hafertonne geleert, morgens Kolik, Durchfall, Fieber um 39,5, mittags steht es auf allen vieren wie auf Glas. Das ist kein schleichender HAL-Verlauf, das ist systemisch.
Hier hilft kein Diätplan allein. Hier braucht es sofort den Tierarzt, Kreislauf, Entgiftung und von Minute eins an eiskalte Hufe.
3. DIE BELASTUNGSREHE – DER VERGESSENE HUF
Die sehe ich nach Sehnenschäden, nach Hufgeschwüren, nach langen Transporten. Das Pferd entlastet drei Wochen lang das linke Hinterbein, also trägt das rechte die ganze Last. Die Lamellengefäße werden mechanisch gequetscht, die Durchblutung bricht zusammen.
Typisch: nur ein Huf wird heiß, der gegenüber der eigentlichen Lahmheit. Kein Fieber, kein Durchfall, nur Überlastung.
Was ich mache: Bei jeder schweren Lahmheit polstere ich sofort den gesunden Fuß. Tiefe Einstreu, weiche Sohlenpolster, alle vier Stunden umstellen. Das verhindert mehr Rehe als jedes Medikament.
4. DIE SEPTISCHE REHE – GEBURTSREHE UND VERGIFTUNG
Bleibt die Nachgeburt länger als drei Stunden drin, fault sie. Endotoxine fluten den Körper. Gleiches bei Eibe, Ahorn oder hochdosiertem Cortison, das die Gefäße eng stellt.
Das sind die schnellsten und gefährlichsten Verläufe. Fieber, beschleunigte Atmung, alle vier Hufe gleichzeitig, oft innerhalb von 12 Stunden nach der Geburt.
Hier arbeite ich immer Hand in Hand mit dem Tierarzt. Uterusspülung, Infusion, Entgiftung. Meine Aufgabe ist die Kreislaufstütze und das konsequente Kühlen der Hufe im Prodromalstadium.
So unterscheide ich im Stall
Kein Fieber, wiederkehrend, Pony, Frühjahr → Insulin testen
Fieber plus Kolik plus alle vier Hufe → Futterrehe oder Sepsis
Fieber plus frische Geburt → Geburtsrehe
Ein Huf heiß nach wochenlanger Schonhaltung → Belastungsrehe
Diese Sortierung rettet Zeit. Und Zeit rettet Lamellen.
Mein Fahrplan für die ersten 48 Stunden
Bewegung stoppen. Box mit 20 cm Sand oder Spänen, kein Schritt mehr.
Futter runter. Kein Gras, kein Müsli. Nur Heu, am besten gewaschen, mit weniger als 10 Prozent Zucker. Wasser frei.
Kühlen. Bei allen akuten Formen, bei HAL zumindest in den ersten zwei Tagen. Eiswasser, nicht nur kaltes Abtasten.
Tierarzt rufen. Ich stelle keine Diagnose allein, ich bereite vor. Röntgen im belasteten Stand, Blut für Insulin und ACTH.
Was danach wirklich hilft
Bei HAL arbeite ich mit Futteranalyse, nicht mit Bauchgefühl. Heu wiegen, nicht schätzen. Bewegung erst, wenn das Pferd auf Asphalt im Schritt klar läuft und das Röntgen stabil ist. Das dauert oft 30 Tage, nicht drei.
Bei hartnäckiger Hyperinsulinämie habe ich in den letzten zwei Jahren gute Erfahrungen mit der tierärztlichen Verordnung von SGLT2-Hemmern gemacht. Velagliflozin und Canagliflozin senken Insulin, indem sie Zucker über die Niere ausscheiden. In Studien verhinderte Velagliflozin bei Ponys unter Zuckerdruck die Rehe komplett. Das ist kein Freifahrtschein für die Weide, sondern eine Brücke, bis die Diät greift.
Bei Futterrehe, Belastungsrehe und septischer Rehe liegt mein Schwerpunkt auf Darm, Kreislauf und Mechanik. Kräuter und Homöopathie können unterstützen, sie ersetzen aber nie die Ursachenarbeit.
Mein Appell an dich
Lass einmal im Jahr Insulin messen, nicht nur wenn es hinkt. Gerade bei Ponys, Isis und Rentnern. Ein oraler Zuckertest kostet weniger als ein Spezialbeschlag und sagt dir, ob dein Heu passt.
Hufrehe ist heute in den meisten Fällen eine hormonelle Entgleisung, die sich im Huf zeigt. Wer nur den Huf behandelt, behandelt das Symptom. Wer Insulin versteht, verhindert den nächsten Schub.
Wenn du unsicher bist, hol dir Hilfe früh. Ich komme lieber einmal zu viel zum Abtasten, als einmal zu spät zum Ausschuhen.
Olaf Anderfuhr
Geprüfter Tierheilpraktiker
Quellen, auf die ich mich in der Praxis stütze
Durham et al., ECEIM consensus statement on equine metabolic syndrome, JVIM 2019 – Grundlage für Insulin-Dysregulation und diagnostische Schwellenwerte
Experimentelle Arbeiten zu Hyperinsulinämie und Laminitis (de Laat, Pollitt) – Nachweis der direkten Insulinwirkung auf Lamellen
DocCheck Flexikon „Hufrehe (Pferd)“ – Übersicht zu Futterrehe, Belastungsrehe, Geburtsrehe und Pathogenese der Mikrozirkulationsstörung
Studien zu Velagliflozin und Canagliflozin bei EMS-Pferden, 2022 bis 2024
Hufrehe ist keine Hufkrankheit, sondern eine Entzündung der Huflederhaut im Inneren. Die Verbindung zwischen Hufbein und Horn löst sich. Auslöser ist fast immer der Stoffwechsel, nicht der Hufschmied. Ich sehe es als Notfall des ganzen Pferdes.
Typisch ist der klamme Gang wie auf Eiern, besonders beim Wenden. Die Hufe sind warm, der Puls an der Fessel pocht stark. Das Pferd stellt die Hinterbeine unter den Bauch um die Vorderhufe zu entlasten. Im Frühling nach dem ersten Weidegang besonders wachsam sein.
Nummer 1 ist das frische Gras mit viel Fruktan, Nummer 2 Übergewicht und EMS, Nummer 3 Stress durch Futterwechsel oder Kolik. Auch eine Vergiftung oder Nachgeburtsprobleme bei Stuten kann ich als Auslöser sehen.
Sofort Tierarzt anrufen, Pferd stillstellen auf tiefem, weichem Boden, kein Futter, nur Wasser und Heu. Hufe kühlen mit Eis oder nassen Bandagen. Nicht bewegen, nicht führen, nicht selbst Schmerzmittel geben. Jede Minute zählt.
Die Akutphase gehört immer in die Hand des Tierarztes. Ich begleite danach natürlich: Entgiftung der Leber, Darmflora aufbauen, Entzündung mit Omega-3 und Kräutern senken, Fütterung umstellen. Ohne Ursachenarbeit kommt die Rehe wieder.
Gewicht kontrollieren, Anweiden in 10-Minuten-Schritten, kein Kraftfutter bei leichtfuttrigen Pferden, Heu analysieren lassen. Im Frühling und Herbst Blutwerte für EMS und Cushing checken. Bewegung täglich, aber kein Zwang auf hartem Boden.