⭐⭐⭐⭐⭐ 4,9 Gesamtbewertung: 64 Stimmen (bei Google, Facebook & ProvenExpert)
Ein saftig grünes, dichtes Gras, das selbst wildem Toben und tiefem Verbiss mühelos standhält – was für viele Pferdebesitzer wie die absolute Traumweide klingt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen oft als gesundheitliches Pulverfass. Die Rede ist vom Deutschen Weidelgras (Lolium perenne), auch bekannt als Englisches Raygras.
Als absolute Nummer eins in der modernen Landwirtschaft dominiert dieses Gras unsere Wiesen. Doch was für die Milchviehhaltung zur Hochleistungs-Milcherzeugung optimiert wurde, macht unsere Pferde schleichend krank.
In diesem Artikel beleuchten wir die versteckten Gefahren von Lolium perenne und zeigen dir, wie du deine Weide pferdegerecht gestalten kannst.
Deutsches Weidelgras ist ein botanisches Kraftpaket. Es keimt extrem schnell (oft bereits nach 7 bis 10 Tagen), bestockt sich intensiv zu dichten Horsten und besitzt einen ausgeprägten „Fettglanz“ auf der Blattunterseite. Seine Beliebtheit verdankt es seiner unschlagbaren Trittfestigkeit und der rasanten Regeneration nach dem Verbiss.
Genau diese Eigenschaften haben jedoch dazu geführt, dass herkömmliche Saatgutmischungen für Weideland fast flächendeckend massiv mit Deutschem Weidelgras überladen sind. Auf vielen Koppeln ist eine artenarme Monokultur entstanden – mit fatalen Folgen für den Pferdekörper.
Pferde sind evolutionär an karge, faserreiche Steppengräser angepasst. Deutsches Weidelgras hingegen ist auf einen extrem hohen Zuckergehalt gezüchtet. Es speichert überschüssige Energie in Form von Fruktan (einem langkettigen Zuckermolekül).
Der Mechanismus: Kann das Gras an kalten, aber sonnigen Tagen (besonders im Frühjahr und Herbst) die Energie nicht in Wachstum umsetzen, lagert es Fruktan in riesigen Mengen ein.
Die Folge im Pferd: Der Pferdedarm kann diese Zuckermassen nicht im Dünndarm verdauen. Sie gelangen ungehindert in den Dickdarm. Dort kommt es zu einer explosionsartigen Vermehrung milchsäurebildender Bakterien, das Darmmilieu übersäuert (Dysbiose) und die nützliche Mikroflora stirbt ab. Die dabei freiwerdenden Endotoxine gelangen in die Blutbahn und lösen die gefürchtete Hufrehe aus. Auch Stoffwechselerkrankungen wie das Equine Metabolic Syndrome (EMS) werden massiv befeuert.
Um sich gegen Insektenfraß, Trockenheit und Krankheiten zu schützen, geht das Deutsche Weidelgras eine Symbiose mit mikroskopisch kleinen Pilzen ein, den sogenannten Endophyten (häufig Epichloë lolii, früher Neotyphodium lolii). Diese leben im Inneren der Pflanze und sind mit bloßem Auge völlig unsichtbar.
Diese Pilze produzieren hochwirksame Gifte (Mykotoxine), vor allem Lolitrem B und Ergovalin:
Ryegrass Staggers (Weidelgras-Taumel): Hervorgerufen durch das Nervengift Lolitrem B, führt diese Vergiftung zu Muskelzittern, Koordinationsstörungen, Schreckhaftigkeit und Taumeln.
Equine Fescue Oedema (Schwingelödem): Die Toxine schädigen die Gefäßwände und führen zu massiven Wassereinlagerungen (Ödemen) an Kopf, Ganaschen, Beinen oder der Schlauchtasche sowie zu unerklärlichen Koliken und Leberschäden.
Fruchtbarkeitsstörungen: Bei Zuchtstuten können die Gifte zu Aborten oder Milchmangel führen.
Deutsches Weidelgras wächst extrem weich und "blattreich". Was für die Kuh gut verdaulich ist, lässt dem Pferd die Struktur fehlen. Pferdezähne und der Magen-Darm-Trakt benötigen zwingend Rohfaser (Kautätigkeit, Einspeichelung als Säurepuffer). Fehlt diese Struktur, steigt das Risiko für Magengeschwüre, Kotwasser und Pansen- bzw. Blinddarmfehlgärungen.
Es ist utopisch, das Deutsche Weidelgras von heute auf morgen komplett von den Weiden zu verbannen. Aber mit gezieltem Management lässt sich das Risiko für dein Pferd drastisch senken:
Kein stressiges Kurzgrasen lassen ("Überweidung vermeiden"): Endophyten konzentrieren sich vor allem in den untersten Zentimetern des Halms direkt über dem Boden sowie in den reifen Samenähren. Lass deine Pferde niemals auf einer "Rasenmäher-Koppel" grasen, auf der sie gezwungen sind, die bitteren, giftigen Stängelbasen zu fressen.
Artenvielfalt aktiv fördern: Säe gezielt pferdegerechte, fruktanarme und endophytenfreie Gräser nach (z.B. Wiesenlieschgras, Rotschwingel, Knaulgras) und dulde Kräuter wie Löwenzahn, Spitzwegerich und Schafgarbe. Je vielfältiger die Wiese, desto besser können Pferde selektieren.
Zusätzliches Heu anbieten: Biete auch während der Weidesaison immer qualitativ hochwertiges, spät geerntetes Heu an. Viele Pferde wählen instinktiv das faserreiche Heu, wenn das Weidegras zu "fett" oder toxisch belastet ist.
Auf pferdegerechtes Saatgut achten: Verwende bei Neu- oder Nachsaaten ausschließlich zertifizierte Pferdemischungen ohne Deutsches Weidelgras (z.B. spezielle Mischungen mit dem Label "fruktanarm" und "endophytenfrei").
Das Deutsche Weidelgras ist ein hervorragendes Futtergras für Hochleistungs-Nutztiere – auf einer Pferdeweide hat es in hoher Konzentration jedoch nichts zu suchen. Wer die Risiken von Fruktan und Endophyten kennt, kann durch vorausschauendes Weidemanagement und die gezielte Aufwertung der Flora die Gesundheit seiner Pferde langfristig sichern.
Endophyten & Mykotoxine: * N Z Vet J. (2012): "A review of the Neotyphodium lolii / Lolium perenne symbiosis and its associated effects on animal and plant health, with particular emphasis on ryegrass staggers." PubMed
Artgerecht-Tier (2018): "Vergiftungen von Pferden durch Gräsergifte" (Detaillierte Analyse zu Lolitrem B und Ergovalin-Grenzwerten). Artgerecht-Tier
Fruktan & Hufrehe-Risiko:
Sanoanimal (2025): "Vorsicht: Weidegras! Fruktanabbau und Endophytenbelastung bei gestresster Witterung." Sanoanimal
Praktisches Weidemanagement & Symptomatik:
LKV Sachsen (2025): "Endophyten im Grünland - Ein über- oder unterschätztes Problem?" LKV Sachsen
Krauterie Blog (2022): "Endophyten: Gift im Weidegras und die Gefahren von Monokulturen." Krauterie